Was ist Wokeness (oder woke sein)?

Es bedeutet, Dinge nicht trennscharf zu differenzieren, sondern wie bei einem elektrischen Kurzschluß, der im Zweifel auch mal eben durch die Luft per Ionisierungskanal seinen Weg findet, über Struktur- oder Formähnlichkeit miteinander zu koppeln. Dies erfolgt dann, wie es die Kurzschlußanalogie absichtlich nahelegt, illegitim bzw. nicht im Sinne der Logik.

Dazu gleich zwei Beispiele:

1) Strukturähnlichkeit wurde als Argument verwendet, als das Firefox-Team das master password umbenannte in primary password. Begründung: Es würde an die master/slave Relation erinnern, kurz, an die verruchte Zeit der Sklavenhaltung. Ich bezeichne das als
rein strukturelle Ähnlichkeit, weil man ja nicht von einem master password spricht, um die Sklaverei hochleben zu lassen, sondern weil die Analogie im technischen Bereich erstens moralisch einwandfrei und zweitens klar definiert ist: Alle nachgeordneten Elemente hängen von dem einen, hierarchisch am höchsten eingestuften Objekt ab. Das ist eine klassische Master-Slave-Beziehung, die heutzutage auf Menschen bezogen indiskutabel und ethisch nicht zu rechtfertigen ist, die im technischen Bereich aber besteht.

2) Formähnlichkeit wird als Begründung für das Ausmerzen eines Begriffs herangezogen, wenn z. B. wie im Falle des Ortes Negernbötel eine Umbenennung gefordert wird, obwohl das Wort
negern hier die Bedeutung nahe hat und absolut gar nichts mit dunkelhäutigen Menschen zu tun hat.

Ein intellektuell wacher Mensch, also das Gegenteil eines woken Menschen, vollzieht z. B. im Falle der Master-Slave-Sache eine geistige Trennung der technischen Anwendung vom Thema der Sklavenhaltung. Ich kann mir nicht vorstellen, daß damals, als man sich bei der Konfiguration von CD-Laufwerken noch um die Frage kümmern mußte, welches jetzt als Master und welches als Slave eingestellt wird, irgendjemand dabei an Onkel Toms Hütte gedacht hat. Und selbst wenn es so gewesen wäre, daß das irgendjemand assoziiert hätte: Was wäre die Konsequenz gewesen? Die Forderung nach Wiedereinführung der Sklaverei?

Mir kann es egal sein, mit welchem Blödsinn sich Entwicklerteams in aller Welt befassen, wenn sie gerade mal keine Zeit dafür benötigen, Programmcode zu schreiben oder das Softwaredesign zu definieren. Unangenehm für alle Nichtbeteiligten an diesen Diskussionen wird es aber dann, wenn die Woken übergriffig werden und Dinge verändern wollen, die überhaupt nicht in ihrer Befugnis liegen. Wer z. B. Negernbötel umbenennen will, weil er zu blöde ist, zu kapieren, daß er seine Assoziation mit Neger bitteschön selber in seinem Hirn zu korrigieren hat, maßt sich eine Autorität an, die lediglich und ausschließlich einer Gruppe von Menschen zusteht: Den Einwohnern von Negernbötel.

Und dieser Sachverhalt ist es auch, der das auslöst, was von vielen zu recht kritisiert wird: Die Härte und Unnachgiebigkeit in der Diskussion um Wokeness, Gendern und cancel culture. Sie
rührt einfach daher, daß alle diese Dinge übergriffig sind!

Diese Übergriffigkeit fühlt jeder, der noch normal denken kann. Und da hilft es nichts, wenn dümmlich und dämlich (darf ich das noch sagen?) behauptet wird, es würden ja niemandem Vorschriften gemacht. Das ist absolut lächerlich, wie man an der Geschäftsführung von Audi sieht, die von ihren Mitarbeitern das Gendern fordert. Ähnliche Dinge kennen wir aus der öffentlichen Verwaltung, von vielen Universitäten usw.

Universitäten? Diese wurden früher idealisiert zum Hort der Wissenschaft, welche wiederum geschätzt wurde als die Schutzpatronin der Sachlichkeit, der Logik und des menschlichen Verstandes schlechthin. Was heute dagegen an Universitäten so stattfindet, hat oftmals mit diesen Idealvorstellungen nichts mehr zu tun. Besonders sogenannte Sprachwissenschaftler und Soziologen sind vielfach zu den schlimmsten Vertretern unlogischer, ideologiegetriebener Pseudowissenschaft geworden, die man sich überhaupt vorstellen kann.

Früher hätte man sich in schwierigen Diskussionen auf die Wissenschaft und ihre etablierten Erkenntnisse berufen können. Heutzutage kann ein Befürworter des Irrsinns irgendein Paper aus der Tasche ziehen, das unter dem Dach irgendeiner Universität zusammengeschrieben wurde und behaupten, es handle sich um wissenschaftliche Erkenntnis*. Daß man unter diesen Umständen einfach nur noch kotzen könnte, wenn es um die oben ausgeführten Themen geht, ist also eigentlich logisch und kein Fehler des Kotzenden. Wenn Ihr also eine sachliche Diskussion wollt, dann fangt erst einmal an, klar zu definieren, was für eine Wissenschaftskultur Ihr wollt: Eine, die ausformuliert, was Ihr Euch vorab schon ausgedacht habt, also einen ideologiegetriebenen SLAVE, oder eine Kultur, in der offen diskutiert werden kann und nach klassischen Maßstäben der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung gearbeitet wird, kontrolliert von einem headMASTER, der sein Fach versteht?

Nachsatz: Der Begriff headmaster existiert noch.

*) In diesem Videoblog wird aufgezeigt, was in diesem Zusammenhang
als Wissenschaft bezeichnet wird:

https://www.belleslettres.eu/content/deklination/gender-nubling-lobin-sueddeutsche.php