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Der vollständige Text dieses Offenen Briefs findet sich hier: http://migrationhub-heidelberg.org/projekte/

Er fängt schon mit einem Brüller an:

“Triggerwarnung – in diesem Brief werden Begriffe und Narrative verwendet, die rassistische Stereotype reproduzieren.”

So wie manche Video-Streaming-Anbieter bestimmte Filme nicht mehr ohne vorangehende Erklärung des Inhalts und Verweis auf schlimme Klischees und verdammenswerte Vorurteile zeigen wollen, sofern sie sie überhaupt noch zeigen, so wird auch hier, noch bevor ein Wort gefallen ist, darauf hingewiesen, daß Wörter verwendet werden, die rassistische Stereotype reproduzieren.

Ein Wort reproduziert gar nichts. Null, nada, niente. Ich betone das, weil die gedankliche Verirrung unter anderem hier ihre Wurzeln hat. Reproduzieren im Sinne der Verfasser dieses Pamphlets tun nur denkende Menschen. Es ist also zuallerst einmal so, daß hier an einem Punkt angegriffen wird, der überhaupt nicht ursächlich ist für das, was in dem Brief dem Grunde nach angeprangert wird, nämlich Rassismus.

Ein Wort, ein Begriff, können überhaupt nicht ursächlich sein für Denkmuster, das Ignorieren geschichtlicher Zusammenhänge oder was auch immer. Begriffe und Wörter alleine, ohne einen Text darumherum, sind Bausteine unserer, jeder Sprache, ohne die wir nicht umfassend denken können. Jedes Wort, daß in einer Sprache geschaffen wird, erlaubt in der Gesamtschau der Sprache einen Zuwachs an Granularität der Sprache bezüglich der Welt, mit anderen Worten, je mehr Wörter wir zur Verfügung haben, um sprachlich auf die Welt zu reagieren, desto präziser und kleinteiliger können wir uns über die Welt äußern.

Um diesen wichtigen Punkt unmißverständlich klarzumachen: Ein Wort reproduziert nicht, es ist ein Sprachbaustein, der eingebettet in einen Text zur Formulierung beliebiger Zusammenhänge benutzt werden kann. Ob er jeweils angemessen, sinnvoll oder geschmackvoll benutzt wird, oder auch in geschmackloser, provozierender, selbst völlig falscher Weise verwendet wird, ist einzig Sache des Autors, der das zu verantworten hat. Die Frage, ob ein Text, nicht ein Wort, wohlgemerkt, gegen geltendes Recht verstößt, ist gegebenenfalls vor Gericht zu klären. Und solange kein Gericht einen Text oder Teile daraus verbietet, das heißt, seine Veröffentlichung untersagt, ist er von der Meinungsfreiheit gedeckt.

“Die Frage ist nicht nur, ob das Wort verwendet werden sollte oder nicht, vielmehr geht es darum, ob wir den zugrunde liegenden Rassismus akzeptieren oder nicht.”

Hier gibt der Migration Hub Heidelberg (im folgenden MHH abgekürzt) vor, es ginge ihm nicht um Wörter, sondern um den zugrundeliegenden Rassismus. Wenn es aber nicht um Wörter geht, warum wurde dann gefordert, das Gasthaus zum Mohren umzubenennen? Also geht es ganz klar doch um das Wort!

Und bevor jetzt die Frage nach Roß und Reiter aufkommt, nämlich dem, der da angeblich dem Rassismus Vorschub leistet, beeilt man sich, das ohne Nennung von Personen zu definieren:

“Der Rassismus liegt bereits in der Wurzel des kolonialistisch geprägten Wortes: Der Begriff „Mohr“ stammt einerseits von dem griechischen Wort moros “dumm, töricht, gottlos, einfältig” und leitet sich außerdem von dem lateinischen Wort maurus “schwarz, dunkel, afrikanisch” ab. Neben des bereits rassisitischen Wortursprungs steht die Verwendung des Wortes in einer Tradition der Abwertung und Objektifizierung von Schwarzen¹ Menschen. Dabei ist nicht relevant, wer genau durch dieses Wort beschrieben wird, sondern dass durch diese Fremdzuschreibung die Versklavung und Ausbeutung Schwarzer Menschen weltweit legitimiert wurde.”

In diesem Abschnitt wird behauptet, der Begriff Mohr sei abgeleitet aus moros, aber auch aus maurus. Frage: Was denn nun? Ein Wort kann nur einen Ursprung haben. Bedeutungen können verschmelzen, das ist wohl einsichtig, aber daß ein Wort zwei Wurzeln haben soll, die dann witzigerweise sowohl eine Zuschreibung als auch eine Definition einer Gruppe von Menschen enthalten und zu allem Überfluß phonetisch fast gleich sind, erscheint mir extrem unwahrscheinlich. Vielmehr habe ich den Eindruck, daß der MHH hier seine ohnehin dünne Argumentation verstärken wollte, indem er zwei Argumente zusammenfügt, die aber aus logischen Gesichtspunkten nicht zusammenpassen. Ich interpretiere das als eine politisch gewollte Schlußfolgerung, denn hier wird nicht sauber nachgedacht, sondern aus politisch-ideologischen Zielen so dargestellt, wie es einem in den Kram paßt.

Ob der Begriff Mohr von Anfang an rassistisch war, bleibt also offen, das ist nur zu klären, indem man historische Texte analysiert, und ich bin mir 100% sicher, daß der MHH das nicht getan hat. Ihm genügen hier reine Behauptungen.

Jetzt kommen wir zum entscheidenden Satz des gesamten Offenen Briefs:

“Dabei ist nicht relevant, wer genau durch dieses Wort beschrieben wird, sondern dass durch diese Fremdzuschreibung die Versklavung und Ausbeutung Schwarzer Menschen weltweit legitimiert wurde.”

Was hier behauptet wird, ist in seiner antiaufklärerischen Denkweise (ich scheue mich eigentlich, das Denken zu nennen, aber das muß man wohl tun), grotesk: Laut MHH haben wir es also mit einem Wort zu tun, bei dem der Gegenstand, für den es steht, irrelevant ist.

Da bleibt mir doch für einen Moment die Spucke weg.

Es wird also gefordert, Gasthäuser, Straßen, Apotheken und andere Geschäfte umzubenennen, also den Begriff Mohr zu canceln (hiermit ist also der Beweis für eine Cancel Culture erbracht, auch wenn Hannah Pilarczyk vom Spiegel behauptet, es gäbe sie nicht (https://www.spiegel.de/kultur/cancel-culture-viele-graeben-viele-kaempfe-essay-a-60615caf-c115-467e-a2e3-3e3e7bdca606), ohne daß es noch weiter erforderlich wäre zu klären, wen der Begriff überhaupt betrifft und welche Gruppe er beschreibt.

Damit zieht man sich schon einmal von der Debattierfront zurück und betoniert seinen eigenen Standpunkt in dem Glauben, damit wäre die Sache erledigt. Ist sie aber nicht, denn diese Aussage ist eine geistige Bankrotterklärung.

Im folgenden werden einige historische Tatsachen aufgelistet, die sich im wesentlichen auf den Kolonialismus beziehen. Das gibt mir Gelegenheit zur vorsorglichen Aussage, daß ich die Aufarbeitung von historischen Zusammenhängen gerade auch im Fall des Kolonialismus für wichtig halte. Geschichtsbewußtsein ist erforderlich, um gesellschaftliche Zusammenhänge festzustellen, zu analysieren und zu dokumentieren. Auf Scheurings Tabakladen und seine Mohrenfigur gehe ich hier nicht ein, das ist nicht Ziel dieses Textes. Aber im folgenden wird die oben behauptete Irrelevanz der Bedeutung des Begriffs noch übertroffen:

“In beiden Fällen – der Gaststätte “Mohr” sowie die Verbildlichung dieser rassistischen Fremdzuschreibung in Form einer lebensgroßen Figur in “Scheurings Tabakladen” – ist es letztlich irrelevant, ob dies als rassistische Verletzung intendiert ist oder nicht. Entscheidend ist, dass Schwarze Menschen davon angegriffen und rassistisch beleidigt werden. Die Berechtigung der Anzeige wegen Beleidigung liegt also auf der Hand.”

Jetzt ist es sogar irrelevant, ob die Verwendung des Begriffs Mohr in der Absicht geschah, jemanden herabzusetzen oder nicht. Wenn meine Taten also vor Gericht nicht mehr danach beurteilt werden, was meine Intention war, dann sind der Willkür Tür und Tor geöffnet! Wenn ich also einen Angreifer töte, um einen anderen Menschen vor einer gewaltsamen Tötung zu schützen, bin ich genauso ein Mörder wie der, vor dem ich einen anderen geschützt habe?

Es gibt Regeln des Denkens, und es ist unfaßbar, wieviel Dummheit zusammenkommen mußte, um so einen Text zu veröffentlichen. Einem denkenden Menschen, der die Konsequenzen solcher Aussagen analysiert, müssen die Haare zu Berge stehen, so abstrus ist das.

Zum Begriff der Beleidigung muß ich noch etwas sagen: Eine Beleidigung kann nur stattfinden, indem sie adressiert wird. Eine Beleidigung ohne Adressaten ist keine. Wenn Mohr aber laut MHH keine Gruppe darstellt (ist ja irrelevant), wie kann dann eine Gruppe beleidigt werden? Und vor allem: Wie kann ein Einzelner durch ein öffentlich sichtbares Schild beleidigt werden? Ein Einzelner?

Wenn ich eine Gruppenbezeichnung abwertend verwende, wie z. B. dämliche Ausländer, kann ich dann persönlich als Ausländer beleidigt sein? Ich denke, nicht. Aussagen in dieser Richtung können volksverhetzend sein, und tatsächlich, sie können rassistisch sein und vieles andere mehr. Wenn es dann justiziabel wird, dann wird es aber mit Sicherheit um Bevölkerungsgruppen gehen, die vor despektierlichen, herabwürdigenden Aussagen geschützt werden sollten, aber nicht um ein verletztes Persönlichkeitsrecht eines Einzelnen. Vor allen Dingen: Wie soll die Verwendung eines Begriffs eine persönliche Beleidigung darstellen, wenn überhaupt keine persönliche Interaktion stattfindet zwischen Beleidiger und Beleidigtem? Das sind lächerliche Konstrukte ohne Sinn. (Über das Schicksal der Anzeige, die gestellt wurde, konnte ich nichts in Erfahrung bringen. Es ist also unklar, ob sie überhaupt einem Gericht vorgelegt worden ist. Von einem Gerichtsurteil in dem Fall ist noch weniger etwas zu finden. Was mich nicht wundert. Aber darüber spricht niemand, jedenfalls konnte ich dazu in den sogenannten Medien nichts finden.)

Aber spannend wird ja das Ganze, wenn man sich den Mechanismus anschaut, der schließlich zur Namensänderung geführt hat, nämlich ganz offensichtlich kein Gerichtsurteil, nicht der Wille des Volkes, nein, der Wille eines gewalttätigen Mobs:

Bei der Recherche findet man Begriffe wie Shitstorm und Facebook-Community (oder auch nur Community). Zusammengefaßt kann man sagen: Die Änderung fand statt, weil jemand einem social pressing nachgegeben hat. Anders formuliert: Ein Mob hat solange mit Dreck geworfen, bis jemand getan hat, was der Mob wollte.

Und das, lieber Leser, ist der eigentliche Skandal an dieser Geschichte!

PS: Ein Punkt ist noch nicht angesprochen worden, den ich aber hier anfügen will, weil er wichtig ist. Zitat aus dem Offenen Brief:

“Rassismus kann von weißen Menschen nicht nachempfunden werden, denn die jahrhundertelange Geschichte der Erhebung weißer Menschen über nicht-Weiße kann nicht umgekehrt werden. Wir appellieren daher an alle Menschen, die in Zusammenhang mit dieser Sache stehen, auf die Expertise von Menschen, die im Bereich Antirassismus arbeiten und auf Menschen mit Rassismuserfahrungen, zu hören.”

Was heißt das, kann nicht nachempfunden werden? Kann demnach ein Mann z. B. auch nicht nachempfinden, was eine Frau bei einer Vergewaltigung empfindet? Kann ein Mensch, der beide Beine hat, nicht nachempfinden, wie es ist, keine mehr zu haben? Oder gar wie es ist, nie welche gehabt zu haben?

Diese Aussage ist in der Pauschalität, wie sie hier getroffen wird, unhaltbar. Sie erklärt Weiße (und nicht im Bereich Antirassismus Tätige 😆 ) für inkompetent in Bezug auf die ganze Sachlage, und das aus einem Grund, der in der Aufforderung im zweiten Satz gipfelt: “Wir appellieren daher an alle Menschen, … auf die Expertise von Menschen, die im Bereich Antirassismus arbeiten und auf Menschen mit Rassismuserfahrungen, zu hören.”

Aha, da ich also nicht im Bereich Antirassismus arbeite (was für eine hirnrissige Formulierung… Er arbeitet im Bereich Antirassismus. Aua…) und keine Rassismuserfahrung habe, was immer das nun wieder bedeuten soll, muß ich also schon aus moralischer Verpflichtung auf den MHH hören und tun, was er sagt!

Sehr schlau formuliert: Ihr seid alle nicht in der Lage, die Situation richtig einzuschätzen, das sind nur wir, also tut, was wir sagen! Das ist so cool…

Glaubt der MHH wirklich, diese dummdreiste Argumentation wäre nicht zu durchschauen?