Kari Bremnes mit Band im Tollhaus, 2016-11-19

2016, 19. November: Wir sind in Karlsruhe, im Tollhaus, es ist 2000 Uhr und das Konzert von Kari Bremnes wird gleich beginnen.
Wir wissen bereits, daß es erneut Änderungen in der Band gab. Von der Besetzung, mit der Kari Bremnes 2007 ihr spektakuläres Live-Album Reise aufnahm, und dessen Songs und Atmosphäre für Jahre ihre Auftritte (zumindest die, die ich in Deutschland gesehen habe) prägte, sind nur noch Bengt Egil Hanssen und Sondre Meisfjord übrig.
Kari Bremnes hat sich über Veränderungen in ihrer Band, soweit ich das weiß, nie geäußert. Daher kann man nur Mutmaßungen darüber anstellen, warum erst Helge Norbakken durch Børre Flyen ersetzt wurde, und zuguterletzt jetzt auch Hallgrim Bratberg und Asle Karstadt nicht mehr dabei sind. Der Abgang Helge Norbakkens war ein dramatischer Einschnitt, aus musikalischer Perspektive gesehen, doch die Performance der Band war nach seinem Weggang noch nicht essentiell angegriffen. Obwohl ich die dramatischen Soli und die atmosphärischen Beiträge Norbakkens vermißt habe und bis heute vermisse, hat Flyen doch einen guten Job gemacht. Dennoch bleibt festzuhalten, daß ein Musiker wie Norbakken einfach nicht zu ersetzen ist, dazu war er zu gut, zu individuell und kreativ. Heute denke ich, daß das, was er damals beitrug, das ist, was der Band heute fehlt: Neuartige Arrangements, tiefgründiges Grollen, ein perkussiver, Atmosphäre schaffender Hintergrund, vor dem die anderen Musiker ihre Glanzlichter setzen können.
Dieser Figur Norbakkens steht der Bassist Sondre Meisfjord gegenüber, ein grundsolider Bassist, von dem ich jedoch nie ein Solo gehört habe. Ich denke, er war schon immer, obwohl ein wirklich gutes Bandmitglied, dennoch austauschbar. Deswegen ist es nicht wichtig, daß ausgerechnet er gestern noch dabei war.
Der zweite schlimme Einschnitt für die Band ist aber der Weggang Hallgrim Bratbergs, des Gitarristen, der damals das mitreißende, an Jimi Hendrix erinnernde Solo in Skrik einführte. Ich war von dem Stil Bratbergs, der ganz klare Jazzeinflüsse zeigte, aber dennoch diese dynamischen, kraftvollen, aus der Rockmusik bekannten Elemente verwendete und daraus eine überzeugende Einheit und musikalische Identität schaffen konnte, begeistert.
Børge Petersen-Øverleir hat ihn jetzt ersetzt, und gestern abend durfte auch er ein Skrik-Solo abliefern, wohl um sozusagen seine Visitenkarte abzuliefern. Und obwohl das Solo gar nicht mal schlecht war, so absehbar war es doch. Auch er nun ein Musiker, der für keinerlei Überraschungen sorgt.
Ist es Hanssens Schuld? Dominiert er mit seinen Vorgaben das Geschehen in der Band? Darüber kann ich nur spekulieren. Schon auf dem Album Ly störte mich der kühle Sound, der in scharfem Kontrast zu der Klangatmosphäre von Reise stand. In Og så kom resten av livet klang noch einmal der alte Sound in E du nord durch, aber diese Ära war wohl vorbei. Und es war ebenso deutlich spürbar im gestrigen Konzert, daß auch der altgediente, hervorragende Sound-Ingenieur Asle Karstadt nicht mehr mit dabei war, auch er ersetzt, das Mischpult bediente Geir Østensjø. Das Ergebnis gefiel mir nicht. Der Klang war inhomogen, der Gesang voller unangenehmer Spitzen und mit zuviel Höhen. Auch hier war ein Verlust an Fülle und Atmosphäre zu verzeichnen.
Ly war das letzte Album mit neuen Songs, erschienen 2009. Das ist sieben lange Jahre her. Rückwirkend betrachtet hat Bremnes sich von ihren ersten Platten, die sich durch außergewöhnliche Arrangements, hochkreative musikalische Gestaltung und einen nie vorher gehörten Klang auszeichneten, immer weiter entwickelt bis zum massengeschmacktauglichen, aber eindrucksvollen und atmosphärisch dichten Gesamtkunstwerk Reise. Danach begann der Rückzug in kleinen Schritten. Immerhin gab es auf Ly noch Glanzlichter wie Mi egen skrift und Ingenting blir borte. Aber die uninspirierten, eher langweiligen Stücke dominierten. Ich fand sie damals toll, diese Platte, aber das lag auch daran, daß ich sie toll finden wollte. Klar, es ist schwer, an eine solch großartige Zusammenstellung von Songs anzuschließen, aber wenn dann die kreativsten Leute von Bord gehen, wird es nicht einfacher.
Jetzt hätte ich fast vergessen, Karis Part zu erwähnen. Ihre Texteinlagen zwischen den Songs sind in ihrer gewollten Unbeholfenheit und dem miserablen Englisch peinlich. Das war früher auch anders. Aber sie ist intelligent genug, um die paar Brocken Englisch zu lernen, die sie bräuchte, um das, was sie sagen will, vernünftig rüberzubringen. Aber es geht anscheinend ohnehin nur noch um eine Show, die sich leider jedoch überlebt hat. Den Gag mit dem Baby- oder Kinderdeutsch mag ich auch nicht mehr hören. Es hat schon fast etwas Anbiederndes. Und ihr Gesang war kraftlos, es fehlte an Esprit, dieser Gesang riß mich jedenfalls zu keinem Zeitpunkt mit. Bei diesen Sätzen will ich es belassen.
Somit ist wohl eine Ära beendet. So traurig es ist, aber das Gänsehautgefühl des ersten Auftritts im Tollhaus, damals, Anfang 2008, das ist verschwunden. Trotzdem: Danke, Kari, für tolle Stunden und für die phantastische Musik! Ich wünsche Dir und allen Deinen Mitstreitern alles Gute und hoffe, Dich einmal in einem guten Konzert erneut bewundern zu dürfen!