Die Offene Gesellschaft am 16. Oktober 2016 in Stuttgart

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Meine Vorstellung zum Zeitpunkt der Anreise war die, daß eine Podiumsdiskussion stattfinden würde unter dem oben genannten Thema Welches Land wollen wir sein, in deren Anschluß das Publikum in die Diskussion einbezogen würde.

Die Keynote Speech, also auf deutsch die Eröffnungsrede, ich mach’ das Wort mal fett, um es besser ins Bewußtsein zurückzurufen, war nur ein kurzes Statement. Das war vermutlich nicht Welzers Schuld, vielleicht auch nicht Armbrusters, vielleicht lag es mit an der Verspätung von über zwanzig Minuten, mit der die Veranstaltung begann. Auf jeden Fall war es deletär und trug meiner Meinung nach erheblich zum enttäuschenden Verlauf des Ganzen bei.

Die Debatte, die in dem oben gezeigten Infofenster angekündigt worden war, fand also nicht statt. Es gab noch die kurzen Statements von Bewer und Pavkovic, dann wurde von Armbruster schon der erste Zuschauer aufgerufen.

Daß der Eintritt nicht frei war, sondern fünf Euros kostete, sei nur am Rande erwähnt, gehört aber in die Reihe der Unstimmigkeiten. Zufällig war ich viel zu früh dort, so daß ich genug Zeit hatte, mir eine Karte und einen vernünftigen Platz zu sichern. Aber das war eben nur ein glücklicher Zufall.

Die gesamte Veranstaltung hatte dann auch den Charakter einer normalen Theateraufführung mit Kartenverkauf, Reservierung, Bestuhlung, fester Platzzuteilung, Stewardessen im Businesslook und allem, was zu einer gepflegten Abendveranstaltung gehört. Nur, daß sie eben morgens war, allerdings, wie gesagt, mit gehöriger Verspätung, weil die Kasse nicht besetzt war, was dann zu einer langen Schlange vor der Behelfskasse und verstimmten Besuchern führte. Die idiotische Numerierung der Sitzplätze, Nummer 1 und 2 in der Mitte, rechter Flügel gerade, linker Flügel ungerade Platznummern, sorgte dann für weitere Kritik, aber auch zu lustigen Witzchen mit denen, die wieder zurückkamen, weil sie ihre Plätze am anderen Ende der Reihe besetzt sahen, ohne zu realisieren, daß die gesuchten Plätze mit den niedrigen Nummern in der Mitte waren und eben nicht am Ende der Reihe. Dafür konnte aber nun wirklich nur das Schauspielhaus etwas.

Die zahlreichen Besucher der Veranstaltung schienen mir weit überwiegend aus Stuttgart zu stammen, leider wurde überhaupt nicht danach gefragt, wer woher angereist war, denn das hätte den Rahmen ja auch inhaltlich etwas anders gesetzt. Viele Themen, die meisten, soweit ich mich erinnern kann, bezogen sich auf spezifische Probleme vor Ort. Es mögen wohl einige gedacht haben, daß die Veranstaltung in Stuttgart dann auch für Stuttgarter vorgesehen sei; daß es um ein übergreifendes Thema gehen könne, vielleicht sogar sollte, wurde nicht realisiert. Und wenn, dann nur von einzelnen, genauer: einem Einzelnen, dessen Beiträge im gegebenen Rahmen aber nicht die Würdigung und Diskussion erfuhren, die sie verdient hatten.

Peymann regte sich später über die Stuttgarter Problemchen auf, aber so einfach geht es nicht: Man sollte sich schon einmal überlegen, wen man unter welchen Vorzeichen dazu gebracht hatte, die Veranstaltung zu besuchen. Und wenn eben der Plan war, nicht lokale Wehwehchen, sondern globale Probleme zu diskutieren, dann kann ich nur sagen, daß von dem Plan nichts zu sehen war.

Die sogenannte Diskussion mit dem Publikum war wenig moderiert und begann viel zu früh, nachdem Bewer, Welzer und Pavkovic lediglich wenige, einleitende Worte gehalten hatten. Im Grunde lieferten die Aufgerufenen aus dem Publikum jeweils ihre persönlichen Gedanken ab, ohne daß dieser Prozeß zu Beginn kanalisiert worden wäre, und ich kann mich auch nur an zwei Gelegenheiten erinnern, bei denen Welzer mit wenigen Sätzen auf einen Zuschauerbeitrag einging. Das ist keine Kritik an ihm, er wußte mit Sicherheit nur zu genau, wie wenig Zeit diese zwei Stunden wirklich boten.

Eine Diskussion fand, wie gesagt, eigentlich nicht statt. Obwohl z. B. der Begriff Integration mehrfach kritisiert wurde, gab es auch nicht ansatzweise eine Debatte darüber, was an dem Begriff essentiell zu kritisieren, oder gar, wie er neu zu definieren sei. Klar, ein paar Meinungen dazu wurden geäußert, aber sie wurden nicht aufgearbeitet, debattiert, konsolidiert oder sonstwie produktiv verarbeitet.

Intuitiv war möglicherweise den meisten klar, was den Begriff Integration potentiell fragwürdig macht, so wie angeblich allen klar war, zumindest nach Aussage einer Zuschauerin, was Peymann mit seiner Anklage unseres Gesellschaftssystems als verantwortlich für gewisses Elend in der Welt sagen wollte. Aber vage zu wissen, was andere vielleicht ebenso vage dachten, führt nicht zu Gewißheiten und nicht zu einer schärferen Sicht auf die Dinge.

Auch der Begriff der offenen Gesellschaft scheint nicht von allen angemessen aufgearbeitet worden zu sein. Solange der Begriff ungestützt durch entsprechende Bildung verwendet wird, nützt er nichts und schafft nur dumpfe Solidarität ohne konkretes Bewußtsein. Vor allem fehlt dann auch jeder Ansatz zu gemeinsamem Handeln gegen die Feinde der offenen Gesellschaft. Diese sind nicht einmal identifiziert worden. Lediglich der Begriff AfD fiel des öfteren, aber auch das kann ja nur folgenlos bleiben, wenn das Verhalten der etablierten Politiker nicht analysiert wird.

Kurzum: Solche Veranstaltungen mögen hilfreich sein, um lokal/regional Zusammenschlüsse und sinnvolle Projekte anzustoßen bzw. voranzutreiben, Erkenntnisse vermitteln können sie anscheinend nicht. Sie sind pragmatisch ausgerichtet und nicht theoretisch-analysierend. Das ist ausgesprochen schade, denn auf der praktischen Ebene allein werden wir der Bedrohung nicht Herr.