Schaffung einer Verschwörungstheorie

Als erstes trifft man eine Unterscheidung, nämlich die zwischen den Wissenden und den Unwissenden. In diesem ersten Schritt steckt eine solche Ungeheuerlichkeit, daß man dieses Moment, das im ersten Moment der Entstehung dieses Gedankens, sozusagen den Urknall der Idee, präzise untersuchen muß, um zu verstehen, wie sich alles Weitere zwanglos aus diesem Ansatz herleiten läßt. Die getroffene Entscheidung, Wissende von Unwissenden zu unterscheiden, fußt auf der vorhergehenden Annahme, es gäbe etwas, was man zweifelsfrei wissen kann. Da es bei einer Verschwörungstheorie nicht um Alltagsprobleme geht, sondern um universell existentiell Bedeutsames, kann es sich bei dem Wissen, das die einen haben, und die anderen nicht, nur um etwas handeln, das eine entscheidende Bedeutung für die Sinngebung des Lebens an sich und der menschlichen Existenz im Besonderen hat. Ob dieses gewußte Etwas in einem religiösen oder einem nicht-religiösen Kontext dargestellt wird, ist dabei nachrangig.

Bis hierher haben wir es also mit einem in seiner Bedeutung alles überragenden Etwas zu tun, das nur wenige kennen, nämlich die Eingeweihten, die Sehenden, die Wissenden oder wie auch immer man sie nennen will. Der Verschwörungstheoretiker (VT) sieht sich also als Angehöriger einer Elite mit einem ungeheueren Wissensvorsprung vor dem Rest der Welt.

Soweit kommt man aber in der Entwicklung der Theorie nur, wenn man eine weitere Annahme trifft bzw. lange vorher bereits getroffen hat, nämlich die, daß es so etwas wie ein zweifelsfreies Wissen gibt, ein Wissen, das keinem Diskurs mehr ausgesetzt werden muß und kann, weil es ja eben zweifelsfrei im Raum steht. Da es, wie bereits ausgeführt, nicht um die Frage geht, ob der Stuhl vier Beine hat oder drei, und somit ein Hocker ist, sondern um Inhalte und Begrifflichkeiten, die sich im Bereich der Weltdeutung bewegen, ist eine erkenntnistheoretische Betrachtung dieses konstatierten Wissens um zentrale Dinge der Welt keine Haarspalterei.

Der VT macht sich aber über die Frage, ob es solche Wahrheiten wie die, in deren Besitz er sich wähnt, überhaupt geben kann, keinerlei Gedanken, es ist für ihn so zweifelsfrei klar, daß er im Besitz dieser Wahrheiten ist, wie er sich darüber sicher ist, daß es Wahrheiten sind. Der VT tritt also in seiner Deutung der Welt auch nicht neben sich, um sich in Unterscheidung von seiner Umwelt und in seiner Existenz als historisches und soziales Subjekt zu sehen, er hält sich vielmehr für den Endpunkt einer Entwicklung, der aus sich heraus absolut legitimiert ist.

Der Begriff des Zweifels bekommt in der Weltanschauung des VTs eine neue Bedeutung: Subjekte der Bezweiflung sind alle Phänomene außerhalb seiner Innenwelt, reflexiv verwendet der VT das Konzept des Bezweifelns nicht. Das kann er auch nicht, weil er als Wahrheitsinhaber kein Subjekt des Bezweifelns sein kann. Und seine Gedankengänge und Schlußfolgerungen genausowenig. Es ist wie bei Midas, dem alles zu Gold wird. Somit wird im Bewußtsein des VT alles wahr, was er als valides Element in dieses Bewußtsein eingliedert. Andere Elemente als die, die er als valide empfindet, finden nicht statt, können also auch nicht einem (inneren) Diskurs ausgesetzt werden.

Hat der VT nunmehr genug Elemente beisammen, deren wahre Bedeutung nur er bzw. ein kleiner Kreis Eingeweihter oder Wissender kennt, verknüpft er sie dahingehend, daß sich eine spektakuläre Aussage treffen läßt. Wäre die Aussage nicht spektakulär, wäre sie alltäglich und langweilig, aber genau das ist die Triebfeder des VT: Seine Angst, alltäglich und langweilig zu sein. Bevor er unter der Entdeckung seiner eigenen Belanglosigkeit hätte zusammenbrechen können, stellte er fest, daß er befähigt ist, Wahrheit zu erkennen. Sei es auf dem Felde der Politik oder der Religion: Ein Gebiet, das nicht potentiell die gesamte Menschheit interessiert, eignet sich nicht für diese Erlösung aus der Belanglosigkeit. Mit einem Hinterbänklerplatz kann sich der VT nicht zufriedengeben, seine Rolle ist von messianischem Ausmaß. Er beginnt also, Wahrheit politischer oder religiöser Natur auszusprechen.

Der apokalyptische Visionär (AV) geht einen Schritt weiter: Er proklamiert nicht nur das Problem, sondern auch seine Lösung. Der VT hat keine Lösung, im Zweifelsfall bietet er Gewalt als Strategie an, die dann mit Haßäußerungen einhergeht. In dem Moment, in dem der VT gezwungen wird, Lösungsangebote zu machen, entlädt sich seine latent gefühlte Unzufriedenheit mit sich selber, die er als Unzufriedenheit mit der Welt mißversteht, in Haßausbrüchen, zu denen nahezu zwangsläufig dann Gewaltphantasien entwickelt werden, die schließlich als Lösung dargeboten werden. Eine solche Phantasie kann dann z. B. darin bestehen, einen Politiker am liebsten tot zu sehen, ermordet, aber die Frage, wie das die Verhältnisse ins Bessere verkehren soll, bleibt natürlich unbeantwortet.

Beim AV ist diese Gewalt die Vorphase der Apokalypse (wenngleich es eine unpersönliche Gewalt ist bzw. bleibt: Die Handelnden sind nicht benannt, die Rollen ebensowenig, und diese Detailbetrachtung ist auch innerhalb des Gesamtkonzepts Apokalypse nicht notwendig.) und somit ein legitimer Bestandteil dieser Weltinterpretation, denn daß einer Apokalypse eine gewalttätige, grauenvolle Krise vorausgeht, ist fester Bestandteil des Volksglaubens. Ebenso wie die verschwommene und unklare Idee eines Danachs in einem Zustand der Erlösung.

Ein VT ist also, so gesehen, ein Vordenker eines AV, vollendet aber seine Berufung nicht. Dem VT fehlt auch die Vision des Besseren, die Utopie, welche der AV aber hat und als eigentliche Bestimmung des Schicksals feilbietet. Nur dieses dumme Problem der gräuslichen Katastrophe, durch die man leider im Sinne einer Katharsis hindurch muß, kann auch er nicht aus der Welt schaffen. Das ist aber strukturbedingt: Der reine Utopist muß eine gewaltige Phantasie aufbieten, um Menschen für seine Utopie zu begeistern, und die meisten werden ihn dann als Phantasten abstempeln. Diesen Fehler macht der AV nicht: Er baut in seine Erzählung das ein, wovor jeder Angst hat: Daß alles den Bach runtergeht, daß die Menschen alles falsch machen, daß der Untergang feststeht und nur sein Zeitpunkt noch nicht genau bekannt ist. Und dazu sagt der AV: “So wird es kommen, aber dann, wenn die Wahrheit für alle sichtbar geworden ist, wird alles besser!”

Das größte Problem des AV ist, daß er irgendwann langweilig wird mit seinem Gerede von der Apokalypse, während der VT ständig vor sich hinraunen kann, jederzeit etwas, was er für Information hält, seinem Deutungsapparat unterwerfen und angedaut seiner Umwelt wieder darreichen kann. Während also der AV schließlich im sozialen Aus landet, bleibt der VT unappetitliches Mitglied der Gesellschaft, mit dem man nur auf eine Weise sinnvoll umgehen kann: Mit Ignoranz.